Hikikomori

Wir haben über die sog. Hikikomori (im Weiteren nur H.) gesprochen, also über Leute, die sich von der Gesellschaft wegschließen. Dieses soziale Phänomen gilt vor allem für japanische Menschen, ist aber praktisch in allen Ländern zu finden. Die Zahl der H. ist in Japan sehr hoch, sie beträgt insgesamt 1.153.000 Menschen. 47% von Ihnen sind zwischen 15-39 Jahre alt, der Rest, also 53% betrifft Menschen zwischen 40 und 64. Das macht fast einen Prozent der Bevölkerung Japans aus. Das scheint zwar, nicht besonders hoch zu sein, aber wenn wir in Acht nehmen, dass es normalerweise um solche Leute geht, die sonst geistig und körperlich gesund sind, ist das doch erschreckend.

Aber was führt denn dazu, dass jemand sich von der Gesellschaft bewusst oder unbewusst wegschließt? Dafür gibt es natürlich zahlreiche Gründe: Man geht in Rente oder einem wird gekündigt, man hat schlechte zwischenmenschliche Beziehungen, Krankheiten, Unfälle, Mobbing, schlechte Erziehung von den Eltern, gegenseitige Abhängigkeit in der Familie, überfordert oder ausgebrannt sein, von anderen nicht verstanden werden, keine soziale Anerkennung, zu hohe Erwartungen oder sogar Arbeit im Home-Office. Bestimmt gibt es noch weitere Gründe, zum Beispiel Liebeskummer oder andere Dinge, an denen man gescheitert ist, alle sind ja unterschiedlich. Ich bin der Meinung, dass einige Menschen eine Art Neigung dazu haben H. zu werden, aber da gibt es wahrscheinlich noch keine wissenschaftlichen Beweise. Eins ist aber sicher. Je mehr man in diesem Zustand ist, desto schwerer wird es einem fallen, in die Gesellschaft zurückzugehen. Obwohl die meisten von den H. alleinstehend sind, leben ganz viele mit ihren Eltern, so brauchen sie eigentlich kein ständiges Einkommen. Die Eltern lassen ihre Kinder mit sich leben, schämen sich aber oft und erzählen denjenigen, die nach den Kindern Fragen, irgendwelche Lügengeschichten. Es gibt Fälle, wo die Nachbarn nicht einmal wissen, dass ein Ehepaar ein Kind hat. Die H. beschäftigen sich oft mit digitalen Medien1, viele von ihnen hocken vor dem Rechner, oder sie schlafen und liegen den ganzen Tag herum. Wieder andere haben ganz spezifische Hobbys wie zum Beispiel Schiffsmodelle bauen, die sie dann alleine machen können. Das Leben mit den Eltern wird ein großes Problem, das man auch 80-50-Problematik nennt. H. mittleren Alters werden ihre Eltern bald verlieren und haben dann keine Einnahmequellen. Der Staat muss sie also irgendwie ernähren.

Die Folgen von dieser Lebensweise ist, dass die meisten H. ungepflegt werden. Sie brauchen nämlich keine tägliche Pflege, denn sie treffen sich ja mit niemandem. Sie gewöhnen sich an das Leben und wünschen sich später auch nicht mehr, mit anderen Leuten Kontakt aufzunehmen. Der Mensch hat die (vielleicht angeborene) Fähigkeit, sich an verschiedene Dinge anzugewöhnen, auch wenn diese gar nicht so gut sind. Selbstverständlich gibt es Initiativen und Organisationen, die sich vorgenommen haben, den H. zu helfen. Sie organisieren Events und wollen die Betroffenen auf indirekte Weise erreichen. Allerdings ist es gar nicht so einfach, die H. zu finden. Erziehungsanstalten und weitere Einrichtungen könnten wohl auch nützlich sein, sogar Zwangsmaßnahmen könnte man ergreifen. Die beste Hilfe wäre sonst psychologisch, denn in Japan gibt es keine Möglichkeit, Fachleute diesbezüglich aufzusuchen. Ich bin mir sicher, dass die meisten H. behandelt werden könnten. Sie brauchen nur Gespräche.

1 Wir haben nur unsere Vermutungen geäußert, die stereotypisch sein können.

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